In der Nacht zum 13. September 2022 startete das Militär von Aserbaidschan einen großflächigen Angriff auf armenisches Staatsgebiet. Dabei wurden im Süden des Landes mehrere Ortschaften mit Artillerie und großkalibrigen Waffen beschossen. Diese Aggression kommt einer Kriegserklärung gleich und ist der nächste Akt eines Konflikts, der in den letzten Jahrzehnten mehrfach eskaliert ist.

Sowohl im Westen als auch in Moskau dürfte man die Nachricht über den aserbaidschanischen Angriff auf Armenien als denkbar ungelegen empfunden haben. Obwohl Baku die Gewalt als Reaktion auf armenische Sabotageversuche ausgibt, ist klar, worum es in Wahrheit geht: Aserbaidschan will die Gunst der Stunde nutzen. Noch nie war die russische Schutzmacht Armeniens, deren Truppen in der Ukraine jüngst die schwerste Niederlage seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben, so machtlos wie dieser Tage.

Die neuerliche Eskalation der Gewalt ruft dunkle Erinnerungen ins Gedächtnis. Kaum jemandem in Europa war der Konflikt um Berg-Karabach bekannt gewesen, bis Präsident Ilham Aliev am 27. September 2020 den Angriff auf die armenische Exklave befahl. Die abtrünnige Provinz hatte sich 1991 von der damaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan abgespalten und stand seither unter armenischer Kontrolle. Die Vehemenz des Angriffs ließ keinen Zweifel daran, dass Aserbaidschan die Anwesenheit der Armenier auf seinem Staatsgebiet endgültig beenden wollte. 

Der Zwist zwischen Aseris und Armeniern ist jedoch bedeutend älter als herkömmliche Konflikte aus der postsowjetischen Zeit. Er reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. In jenen Tagen hatte die Zentralregierung des Zarenreichs Armenier im heutigen Berg-Karabach angesiedelt. Mit ihrer Hilfe sollte ein verlässlicher Brückenkopf im islamisch dominierten Südkaukasus errichtet und die russische Vorherrschaft in dieser entlegenen Region gesichert werden – einer Region, um die das Zarenreich Jahrhunderte lang erbittert mit Persern und Osmanen gekämpft hatte.

Obwohl die Siedlungspolitik der Zentrale von der schiitischen Bevölkerung Aserbaidschans abgelehnt wurde, gelang es der zaristischen Obrigkeit lange, daraus resultierende Spannungen zu kompensieren. Dies änderte sich jedoch mit der zweiten revolutionären Staatskrise von 1917, als die Monarchie in sich zusammenbrach und die Völker des Riesenreiches ohne ihren vormaligen Mediator zurückblieben. Diese Funktion übernahmen schließlich die Bolschewiki, die damit in vielerlei Hinsicht ein schweres Erbe antraten. 

Nach dem Zerfall der UdSSR entluden sich diese Spannungen in zwei Kriegen 

Zwar wurde Berg-Karabach überwiegend von Armeniern bewohnt, in administrativer Hinsicht war es jedoch eng mit der östlichen Tiefebene verbunden. Dies erklärt, warum die politischen Eliten Aserbaidschans Berg-Karabach als Teil ihrer Einflusssphäre betrachteten. Es ist wichtig zu verstehen, dass der heutige Konflikt auf einem Antagonismus basiert, der hier erstmals in aller Klarheit aufschien: dem Streben der Armenier nach Selbstbestimmung und dem Anspruch der Aseris auf die Integrität ihres Staates.

Da beide Seiten zwischen 1918 und 1920 erbittert um die Region kämpften, hatten die Bolschewiki gute Gründe, den Konflikt zu entschärfen. Hierzu fassten sie folgenden Plan: Berg-Karabach sollte der im Dezember 1920 geschaffenen Sowjetrepublik Armenien einverleibt werden; einen entsprechenden Beschluss hatte das kaukasische Büro des Zentralkomitees der KPdSU am 4. Juli 1921 gefällt. Vier Wochen später – wohl unter dem Protest aserbaidschanischer Kommunisten – entschied man jedoch, dass Berg-Karabach zur aserbaidschanischen SSR gehören würde. Da die Bolschewiki wohl wussten, dass sie damit lediglich einen faulen Kompromiss geschlossen und die Linien künftiger Konflikte vorgezeichnet hatten, verliehen sie Berg-Karabach am 7. Juli 1923 den Status eines Autonomen Gebiets, das eine Fläche von 4.161 km² umfasste. 

Diese Praxis war im Kaukasus kein Einzelfall. Auch Tschetschenien, das sich bis dahin 150 Jahre lang der Unterwerfung durch den Zentralstaat widersetzt hatte, erhielt nach seiner Einverleibung in die russische Sowjetrepublik (RSFSR) verschiedene autonome Verfassungen, bis es 1936 zusammen mit Inguschetien zu einer Autonomen Sowjetrepublik vereint wurde. Die Spannungen zwischen Einheimischen und zugewanderten Russen entschärfte dies jedoch nicht. Folglich flammte die Gewalt in der Folgezeit immer wieder auf, bis Stalin Tschetschenen und Inguschen am 23. Februar 1944 schließlich nach Zentralasien deportieren ließ. Nach ihrer Rückkehr ab 1956 ließ Moskau die sozialen Antagonismen zwischen Rückkehrern und Neusiedlern unterdrücken. Nach dem Zerfall der UdSSR entluden sich diese Spannungen in zwei Kriegen. 

Auch Berg-Karabach blickt auf eine lange Chronologie gewaltsamer Konflikte zurück. So war der armenische Einfluss in der Region bereits in der frühen Sowjetzeit größer, als es den Aseris lieb war. Als ihr Verwaltungszentrum 1923 zu Ehren des Revolutionärs Stepan Schaumjan in „Stepanakert“ umbenannt wurde, wollte man den ethnischen Verhältnissen Rechnung tragen, die der erste sowjetische Zensus von 1926 mit großer Genauigkeit abbildete. Demnach lebten 111.250 Armenier in Berg-Karabach, was 89 Prozent der Gesamtbevölkerung entsprach. Ihnen standen damals lediglich 12.592 Aseris gegenüber. 

Reaktion auf einen demographischen Wandel in Berg-Karabach

Man kann feststellen, dass den armenischen Eliten der bestehende Status politischer Autonomie selbst unter diesen für sie günstigen Bedingungen nicht ausreichte, weshalb sie in der Folgezeit mehrfach versuchten, Berg-Karabach vollständig von Baku zu lösen. Hierzu traten sie insgesamt fünfmal an das ZK der KPdSU heran, um es der armenischen SSR einverleiben zu lassen: nämlich in den Jahren 1930, 1945, 1965, 1967 und 1977.

Dass die Anrufung zentraler sowjetischer Organe erfolglos blieb, hatte damit zu tun, dass es sowohl in Armenien als auch in Aserbaidschan zahlreiche Gebiete gab, die von beiden Volksgruppen bewohnt wurden. Berg-Karabach in die armenische SSR zu inkorporieren, hätte folglich bedeutet, dasselbe auch mit anderen Regionen zu tun. Für solche Modifizierungen hatte der sowjetische Zentralstaat, dessen Interesse in den 1930er Jahren primär in der Festigung seiner eigenen Macht bestand, daher kaum etwas übrig.

Die genannten Initiativen sind insbesondere nach 1945 als Reaktion auf einen demographischen Wandel in Berg-Karabach zu verstehen, der sich allmählich zugunsten der Aseris auszuwirken begann. So zeigte die Volkszählung von 1979, dass der armenische Bevölkerungsanteil auf 75,9 Prozent gesunken war, während der aserbaidschanische nun nicht mehr 10, sondern 23 Prozent betrug. Obwohl die politische und kulturelle Hegemonie der Armenier dadurch nicht in nennenswerter Weise gefährdet war, warfen sie Baku nun eine feindselige Nationalitätenpolitik sowie soziale und wirtschaftliche Diskriminierung vor.

Unter diesen Vorzeichen nahmen die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen weiter zu, die nach wie vor nicht nur in Berg-Karabach, sondern auch in Armenien und Aserbaidschan zusammenlebten. Im Februar 1988 kam es in der Schwarzmeerstadt Sumqayıt schließlich zu einem Pogrom an der armenischen Gemeinde, die daraufhin vollständig vertrieben wurde. Die sowjetische Generalstaatsanwaltschaft stellte später fest, dass in diesem Zusammenhang mindestens 26 Menschen getötet worden waren. Besonders schwer wog indes der Verdacht, die Aktion sei im Vorfeld geplant gewesen.

Ein 9-Punkte-Plan unter russischer Vermittlung

Nachdem sich alte, unverändert fortwirkende Ressentiments in der Folgezeit immer häufiger in gewalttätigen Zusammenstößen entladen hatten, erfolgte am 2. September 1991 die Konstitution der Republik Arzach, die nicht nur das gesamte Gebiet von Berg-Karabach, sondern auch uneingeschränkte Souveränität für sich beanspruchte. Der nun beginnende Krieg, den die armenische Seite 1994 gewann, forderte 25.000 Todesopfer. Bis zu 1,1 Mio. Menschen wurden vertrieben, darunter 700.000 Aseris und 400.000 Armenier. Diese Diskrepanz kommt dadurch zustande, dass armenische Truppen nicht nur Berg-Karabach, sondern auch sieben (!) weitere Bezirke Aserbaidschans besetzten. Bis November 2020 fungierten diese Gebiete als Pufferzone und bedingten, dass 20 Prozent des aserbaidschanischen Staatsgebiets der Kontrolle Bakus entzogen waren. Gleichzeitig stellen sie eine direkte Landverbindung zu Armenien her. 

Als Sieger des Krieges von 2020 konnte Aserbaidschan annährend 50 Prozent des Territoriums von Arzach besetzen. In dem am 9./10. November 2020 geschlossenen Waffenstillstand wurde unter russischer Vermittlung ein 9-Punkte-Plan vereinbart, wonach der neue territoriale Status quo beizubehalten war. Ferner sollte sich Armenien aus den besetzten aserbaidschanischen Territorien zurückziehen. Dass nun keine türkischen Truppen in der Region stationiert wurden, lag einzig am Widerstand Moskaus, das eine direkte Involvierung Ankaras vehement ablehnte – und diese Bedingung auch durchsetzen konnte.

Dass Aserbaidschan nun Armenien angegriffen hat, steht indes nur scheinbar im Widerspruch zu seinen Kriegserfolgen von 2020. Tatsächlich hat man in Baku nämlich sehr genau registriert, dass sich dem wirtschaftlich schwächelnden und militärisch nachgerade von Russland abhängigen armenischen Staat so gut wie jede Neuordnung diktieren lässt, sofern Moskau nicht eingreift. Gleichzeitig können sich die Aseris auf die Unterstützung der Türkei verlassen, von der sie während des Krieges Waffen und Kriegsgerät erhalten haben. Während Baku endlich sein Staatsgebiet von armenischer Besatzung befreien und es am liebsten mit der Exklave Nachtschwan vereinigen würde, möchte die Türkei ihren Einfluss als Großmacht im Südkaukasus etablieren.  

Die Reste der umkämpften Republik Arzach hingegen sind ohne das armenische Mutterland nicht überlebensfähig; Armenien wiederum wäre ohne russische Unterstützung verloren. Das zeigen auch folgende Fakten: In Gjumri befindet sich eine russische Militärbasis, die noch aus Zarenzeiten stammt und wenigstens 5.000 Soldaten beherbergt. Die Garnison hat den Auftrag, die Souveränität Armeniens zu schützen und die Südflanke Russlands zu sichern, das allerdings keine direkte Grenze mit Jerewan teilt. Diese Kooperation ist nicht nur symbolischer Natur, sondern wurde 2016 durch die Schaffung gemeinsamer Einheiten im Bereich der Luftabwehr vertieft. Wichtig ist, dass das Kommando über diese Truppen beim Militärbezirk Südrussland liegt. Sein Hauptquartier liegt in Rostov am Don und ist auch für die Schwarzmeerflotte sowie die föderalen Landstreitkräfte auf der Krim zuständig. Im Falle eines Angriffes obläge die Verteidigung von armenischem Territorium damit faktisch auch dem russischen Militär. Darüber hinaus werden die Grenzen zur Türkei (312 km) und zum Iran (43 km) von Einheiten des FSB überwacht. Im Gegenzug bezieht Jerewan vergünstigte Waffen aus russischer Produktion und wird hierzu von Moskau mit Krediten versorgt.

Verflechtungen machen Armenien zum wichtigsten Verbündeten Moskaus im Südkaukasus

Darüber hinaus fungiert Russland als bedeutendster Kapitalgeber Jerewans und hat seit 1992 mehr als 4 Milliarden US-Dollar investiert. 2019 waren bis zu 1.300 russische Firmen in Armenien aktiv. Noch bedeutender ist das Folgende: Eines der größten Kreditinstitute des Landes, die ehemalige Armsberbank, wurde 2006 von der russischen VTB-Bank gekauft. Mit Investitionen in Höhe von 550 Mio. US-Dollar ist Gazprom an nahezu allen Strukturprojekten im Energiesektor beteiligt, während 80 Prozent der Energieträger von Moskau bereitgestellt werden und der russische Staatskonzern Rosatom 2014 das im Jahr 1980 errichtete Atomkraftwerk des Landes modernisiert hat. In das weitgehend marode Schienennetz von Armenien hat Moskau 2008 annähernd 230 Mio. US-Dollar gepumpt. Das bilaterale Handelsvolumen belief sich 2017 auf 1,75 Milliarden US-Dollar, und auch der armenische Telekommunikationssektor steht vollständig unter russischer Kontrolle. Im ersten Halbjahr 2018 war es bereits auf 925 Mio. US-Dollar gestiegen, nachdem 2016 noch immer 30 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze gelebt hatten.

Auf politischer Ebene sieht es ähnlich aus. Hier ist Jerewan Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) und gehört der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) an. Diese Verflechtungen machen Armenien zum wichtigsten Verbündeten Moskaus im Südkaukasus, das Russland im frühen 19. Jahrhundert in Besitz genommen hatte, bis es ihm durch den Zerfall der UdSSR allmählich entglitt. Seit dem Krieg gegen Georgien (2008) und der Räumung seiner Militärbasis in Aserbaidschan (2012) kann der Kreml seine Macht in der Region nur noch auf Armenien stützen. Ein neuer Krieg in Berg-Karabach, der – wie wir seit dem 13. September 2022 wissen – auch auf das armenische Mutterland übergreifen kann, muss aus russischer Sicht daher nur Nachteile bedeuten. Nicht zufällig hatte Wladimir Putin im Oktober 2020 erklärt, nicht direkt in das Kampfgeschehen eingreifen zu wollen.

Diese taktische Zurückhaltung dürfte sich durch den Krieg in der Ukraine nun zunehmend in eine faktische Machtlosigkeit verwandelt haben. Die militärischen Rückschläge, aber auch die verheerenden Verluste an Soldaten und Material haben den Nimbus der russischen Armee zunichte gemacht. Schonungslos sind ihre gravierenden Mängel enthüllt worden. Der von Korruption zerfressene Armeeapparat ist unfähig, einen modernen Krieg zu führen, seine Streitkräfte taktisch klug zu führen und systematisch auf die Entfaltung einer Gesamtstrategie hinzuarbeiten. Für den Kaukasus bedeutet all dies nichts Gutes. Schon immer ist dem Starken das Zeigen von Schwäche hier zum Verhängnis geworden. 

Infragestellen der russischen Macht im Kaukasus

Dieses Momentum will die türkische Achse von Ankara und Baku nun ausnutzen. Für Moskau wiederum sind diese Pläne eine akute Bedrohung in der Region. Seine Rolle als Großmacht hatte nicht zuletzt auch auf der Akzeptanz Bakus basiert, dessen Wirtschaft durch den Export von Gas und Erdöl um ein Vielfaches leistungsfähiger ist als die armenische, die kaum ohne russische Kredite auskommt. Dadurch war Baku in der Lage, moderne Waffensysteme im Ausland einzukaufen. 2014 betrug das Rüstungsbudget 3,76 Milliarden US-Dollar; bis heute werden pro Jahr im Durchschnitt 2,2 Milliarden US-Dollar für Verteidigung bereitgestellt. Dieses Geschäft hatte auch Moskau für sich entdeckt und Aserbaidschan zwischen 2012 und 2016 mit Waffen im Wert von 4 Milliarden US-Dollar beliefert. Armenien hingegen konnte 2020 lediglich 625 Mio. US-Dollar für Rüstungsgüter aufwenden und musste seinen zusätzlichen Bedarf mit russischen Krediten bedienen.

Je länge der Krieg in der Ukraine dauert und je mehr Verluste er mit sich bringt, desto weniger Kraft hat Russland, um auf das Infragestellen seiner Macht im Kaukasus zu reagieren. Unter diesen Vorzeichen könnte schon bald eine Verschiebung der Machtvertikale in der Region erfolgen. Der jüngste Angriff Bakus auf Armenien ist zwar nicht der Auftakt zu einem Krieg zwischen beiden Staaten, wohl aber der Versuch, die Stabilität der aktuellen Verhältnisse auf die Probe zu stellen. 

Sollte es Moskau versäumen, Präsident Aliev klar in die Schranken zu weisen, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Armenier einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt sind, die weit über die Grenzen der Republik Arzach hinausgehen. Die Zurückdrängung Russlands in der Ukraine wird für sie verheerende Auswirkungen haben. Auch wenn die folgende Feststellung im Westen derzeit vielen Beobachtern befremdlich erscheinen mag, ändert das nichts an ihrer Gültigkeit: Ohne Russland ist das armenische Volk verloren.



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